| Schwerpunkt
der Ausstellung "Ausflug 3" bildet die Malerei.
Hierin entfaltet sich ein weites Spektrum:
Maike Kloss zeigt anmutige und geheimnisvolle Frauengestalten.
Ihre beiden großen Leinwandarbeiten faszinieren nicht nur
durch ihren Reichtum an präzise ausgearbeiteten Details und
die einnehmende Figürlichkeit, sondern ebenso durch ihre raffinierte
Oberfläche. Aus realistischen, dekorativen und surrealen Versatzstücken
entwickelt Maike Kloss ihre Bilder wie Märchen, wie Mythologien
oder Musikstücke, in deren opulenten Szenarien und klangvollen
Rhythmen sich die Betrachter verlieren können.
Auch Nora Grunwald beschäftigt sich mit dem Figürlichen, aber
auf eine ganz andere Art. Leibesfülle, Fettpolster, Speckrollen
- als "Prachtentfaltung dicker Körper auf Leinwand und Papier"
hat es die Künstlerin einmal selbst beschrieben. Weit weg
von ästhetischen Idealvorstellungen entwirft Nora Grunwald
Körperlandschaften, deren fleischliche Masse nahezu den Rahmen,
das Bildgeviert sprengt. Wir denken an die beleibten Rubensfrauen,
die viel Sinnlichkeit und Lebenslust ausstrahlen. Und auch
Nora Grunwalds Arbeiten erzählen von Genuss, von Lust, von
Wärme, und auch von Zartheit.
Die Freude an der Malerei ist Alfred Schramms Werken anzumerken.
Einzelne Themen werden immer wieder variiert, lineares, konstruktives
und mitunter expressives Farb- und Formenspiel miteinander
kombiniert. Damit durchbricht er die Sicherheit geometrischer
Ordnungen, die das Quadrat vorgibt. Und zwischendurch tritt
immer wieder ‚Mein Freund Harvey' auf, der große unsichtbare,
weiße Hase aus Mary Chase' Theaterstück.
In einem Text über Thomas Hak ist zu lesen, er sei ein "abstrakter
Impressionist" und seine Werke seinen eine "Hommage an Monet".
Und tatsächlich, wenn wir "La Ola" betrachten, die Welle,
dann erkennen wir, wie die Farbstruktur das Licht bricht,
wie mit der Kraft der Sonne, des Lichtes die Gischt zum einem
sprudelnden Weiß wird. Seine Bilder haben Leichtigkeit, sie
schwelgen und durchfluten den Raum und dokumentieren sein
Vermögen, der Farbe jede Schwere zu nehmen.
Die Leinwandarbeiten von Meinhard Schulte kennzeichnet eine
kräftige Farbigkeit, Dynamik und bewegter Duktus. Die expressiven
Züge seiner Malerei treten mit den kleinformatigen Zeichnungen
in ein außergewöhnliches Spannungsverhältnis. Das Filigrane,
der Strich, die Linie der Zeichnung wird nicht etwa von der
Malerei geschluckt, sondern es entwickelt sich ein gleichwertiger
Dialog.
Juan del Rios Gouachen sind farben- und lebensfrohe Visionen
und Geschichten, die eine leichte Heiterkeit ausstrahlen.
Der Künstler ist in Buenos Aires aufgewachsen und hat dort
die Kunstakademie besucht. In seinen Arbeiten verschmilzt
er tradiertes Vokabular von Abstraktion und Figuration. In
diesem Gestus verbindet Juan del Rio südamerikanisches Lebensgefühl
mit europäischer Moderne.
Paula Mueller und Esther Rutenfranz bespielen gemeinsam die
Stirnwand der oberen Halle. Paula Muellers dichten, mystisch
wirkenden Zeichnungen entstehen ohne Vorzeichnungen, es sind
vielmehr unbewusste, traumhafte und spontane Elemente menschlicher
Eingebung, die in einer neuen Art der Kreativität, der freien
Assoziation, der visuellen Erscheinungen münden. Sie flankieren
die Arbeiten von Esther Rutenfranz. Sie gibt kristalline Gesteine,
Amethyst und Achat, Edelstein, Jahrtausende alt, wieder. Doch
mit dem gewählten Trägermaterial, dem Transparentfilm, also
industriellem Material, bricht die Künstlerin die Festigkeit
und Härte des Gesteins.
Kongenial daneben Christine Rokahrs Installation "Erde, Mond
und Sonne". Ihre derzeitige Werkphase ist durch einen starken
biografischen Bezug gekennzeichnet. So integriert sie hier
in ihrer Arbeit einen Gobelin, den ihr Vater ihrer Mutter
geschenkt hat. Ihr Entwurf sah zunächst anders aus, doch sie
hat sich in einer intensiven Beschäftigung mit dem Raum, mit
der Atmosphäre, mit den Verbindungen zu den umgebenden Arbeiten
auf eine neue Idee eingelassen, hat sie zulassen, hat flache
Wandmalerei, das Stoffliche des Gobelins, die Materialität
der Leinwandarbeit und den Salzkreis der Bodeninstallation
in einen inneren Zusammenhang gebracht.
Maria Langenstroth beschäftigt sich intensiv mit den Problemen
der Farbe, ihres Wesens, ihrer Beziehungen und Verhältnisse.
Ihre Malerei ist nahezu meditativ, ist ruhig, sie sucht keine
schnellen Effekte. Die Farben findet die Künstlerin in einem
langwierigen Prozess und sie spielen auf eine Stimmung, eine
Empfindung, eine Erinnerung an. Ihre Palette bleibt der Natur
nahe, wird nie bunt oder schrill. So entstehen auf ihren Bildern
Landschaften, bestehend aus Farbfeldern mit ruhigen, erdigen
Tönen. Oft besitzen ihre Arbeiten auch eine poetische Note,
wie z.B. der "Milchstern".
Eine Beziehung zur Landschaftsmalerei sieht Max Sudhues selbst
in seinem Video-Loop "Belarus". Er verbindet neues Medium
mit traditioneller Gattung, Natur und Un-Natur. Dabei verschmilzt
bewegte Vegetation mit der starren Wand, wie ein Scherenschnitt
wirkt diese Stelle. Dazu poppig, grelle Punkte, die uns bewusst
machen, dass wir es hier mit einem technischen Medium zu tun
haben, mit einer digitalen Bearbeitung, mit einem künstlerischen
Eingriff in die Wirklichkeit, die heute zunehmend eine Medienwirklichkeit
ist.
Die Videoinstallation "La sera" von Nikola Hamacher lockt
den Blick des Betrachters in ein Badezimmer. Dabei müssen
wir dem rückwärts gewandten Monitor über die Schulter schauen
und sehen in einen Spiegel an der Wand, aber wir sehen nicht
uns, sondern wir sehen junge Frauen und Männer, die sich vor
einem Spiegel frisieren, rasieren, eincremen, schminken. Eine
ganz intime Situation, der voyeuristische Blick wird zum Thema.
Auch die zweite Arbeit von Nikola Hamacher wirft einen Blick
auf Menschen, im Film vom letztjährigen Rosenmontagsumzug
in Münster. Aber bei all dem jecken, lauten, bunten Treiben
fällt der Blick auf die Gesichter jener, die nicht fröhlich
sind, die nicht schunkeln, nicht lauthals "Es war einmal ein
treuer Husar" singen. Sondern es sind vielmehr die ernsten
Minen, die nachdenklichen und ausdrucklosen Gesichter, die
die Künstlerin interessieren. So demaskiert sie die aufgesetzten
Spielregeln des kollektiven Fröhlichseins, der gesellschaftlichen
Konvention, des sozialen Muss.
Antonia Low zeigt zwei Licht-Objekte, bestehend aus einer
Komplettlampe, wie sie die rechte Wandarbeit betitelt, und
einer Glühbirne im Glas auf einem Hocker. Glühlampen, Kabel,
Steckdosen erscheinen wiederholt im Werk von Antonia Low.
Die zur Lichterzeugung nötigen Geräte und Lichtquellen bewahren
ihren technisch bestimmten Objektcharakter. Licht in seiner
unstofflichen Magie kommt dabei klar und unmittelbar zur Geltung.
Licht spielt auch in der Arbeit von Doris Kastner eine besondere
Rolle. Als natürliches Licht fällt es von außen durch das
Fenster, spielt mit dem changierenden Grün und findet den
Weg durch die Öffnungen. En casa, so ist diese Arbeit betitelt,
zu Hause. Eine weit gespannte und komplexe Metaphorik von
Innen und Außen, von Raum und Ort, von Aufbruch, Weg und Ziel
geht darin auf. Im Grün nimmt die Künstlerin zudem das Landschaftsmotiv
auf und führt das räumliche Denken und Empfinden auf eine
andere Ebene.
Ebenfalls räumlich bzw. plastisch wirkt Verena Püschels Arbeit
"Hello, my Friend", die direkt vor Ort entstanden ist. Das
Muster, lange Zeit ästhetisch verpönt in Kunst, Design und
Architektur, wird zum Mittel einer zeitgenössischen Formfindung.
In der Transformation der Oberfläche mittels Schleifenband
überwindet die Künstlerin das ornamentale Allover und führt
das Muster zurück in aktuellen Diskurs der Kunst.
Es gibt noch eine Neuigkeit zu vermelden: Emsdetten hat jetzt
auch eine Ikea-Filiale. Ruppe Koselleck, Begründer der Bodenstiftung
und Kurator der Subskulpturenprojekte, hat sie eröffnet -
als Verweis auf seine parasitären Publikationen. Darunter
versteht er nicht legitimierte Bei- oder Einlagen in uneigene
Publikationszusammenhänge, z.B. seine Eingriffe in verschiedenen
Ikea-Häusern. Dort entfernt er die schwedischen Musterfamilien
aus der Möbelausstellung in den dort verbreiteten Wechselrahmen
und ersetzt sie durch die eigene Familie und tauscht Ikea-Kunst
durch eigene Arbeiten.
In der unteren Halle treffen wir auf Mark Formaneks Stellvertreter,
bestehend aus einem Holzgestell und Kleidung des Künstlers.
An der Wand hängen seine getragenen Hemden und die "Duisburger
Nächte" entsprechen mit 1,70 mit der Körpergröße des Künstlers
und bestehen aus von ihm gebrauchten Bettlaken. Sie dienen
als DNA-Archiv. Der genetische Code, der uns eindeutig identifizierbar
macht. Das Ich des Künstlers archiviert in den Fasern des
Bettlakens, das als Bild angelegt wird.
Auch Axel Schulß, der als Gastkünstler die Gruppe komplettiert,
macht sich selbst zum Thema, in einer Serie von Selbstporträts,
die mit einem Nagel durchschlagen sind: der Nagel im Kopf
als Metapher für das Unabwendbare, das Schicksalhafte, das
unser Leben von einem zum anderen Moment auf den Kopf stellt.
Als der Texter und Songwriter vor einigen Jahren die Diagnose
erhielt, an MS zu leiden, da fühlte er sich so, als ob ihm
jemand einen Nagel in den Kopf geschlagen hat. Doch er resignierte
nicht vor der Krankheit, sondern engagiert sich, bringt das
Thema MS mit verschiedenen Aktionen in die Öffentlichkeit,
wie z.B. mit seinem MS-Engel.
(Auszug aus der Eröffnungsrede von Dr. Andrea Brockmann)
stehend (v. li.): Alfred Schramm,
Nikola Hamacher, Meinhard Schulte, Doris Kastner, Verena Püschel,
Christine Rokahr, Maike Kloss, Thomas Hak
sitzend (v. li.): Max Sudhues, Nora Grunwald, Ruppe Koselleck,
Axel Schulß |